Unterforderung und die Folgen

Unterforderung und die Folgen

Wie kann es eigentlich sein, dass Hochbegabte oftmals keine Höchstleistungen in der Schule, im Studium oder am Arbeitsplatz vollbringen, wenn sie doch ein so enormes intellektuelles Leistungspotenzial mitbringen?

Der Schulunterricht bzw. die Vorlesung ist schon alleine durch die Präsentationsart an eine bestimmte Geschwindigkeit gebunden: Die normale Sprechgeschwindigkeit. Schon dieser Punkt ist für viele Hochbegabte ein Hindernis. Durch ihr vernetztes Denken denken sie in anderen Dimensionen, als es die Sprache hergibt. Erschwerend kommt hinzu, dass der Unterricht an die normalbegabten Schüler/Studenten angepasst ist, die weit mehr Wiederholungen brauchen, als die Hochbegabten. Zum einen ist also die Geschwindigkeit durch die Sprache begrenzt, zum anderen durch die Anpassung der Intensität und Informationsdichte an die Norm.

Das Gehirn von Hochbegabten kann jedoch nicht einfach einen Gang zurückschalten und in den Entspannungsmodus gehen. Es mussgefordert werden. Bestenfalls kann dies durch aktive Mitarbeit realisiert werden, sofern Lehrer/Professor und die Klasse damit umgehen kann. Das ist jedoch häufig nicht der Fall. Sehr aktive Schüler werden gebremst – weil der Lehrer und die anderen Schüler schlicht nicht mehr mitkommen. Eine aktive Beteiligung wird unterbunden “damit die anderen auch eine Chance haben”. Das führt zu einem enormen Frust bei dem Schüler/Studenten, der nun bemerkt, dass er in seiner Situation zu einem “nutzlosen” Ausharren verdammt wird.

Die “schmerzhafte Langeweile”

Der Unterricht wird dann nicht nur langweilig, sondern als regelrecht schmerzhaft empfunden. Eine dauerhafte Unterforderung bedeutet eine extreme Stressbelastung. Dieser teils massive Dauerstress kann zu Depressionen, Ängsten, psychosomatischen Symptomen (z. B. Bauchschmerzen, Kopfschmerzen, Migräne) bis hin zu ADHS-Symptomen wie Konzentrationsschwierigkeiten, leichte Ablenkbarkeit, Vergesslichkeit, (innere) Unruhe, Getriebenheit und Impulsivität führen.

Die Frustration durch die Situation selbst wird oft noch verstärkt durch die Reaktion der Lehrer und Eltern. Anstatt das Kind in seinem Leid zu sehen und zu unterstützen, werden Vorwürfe gemacht, weil das Kind nicht die gestellten Erwartungen erfüllt. Dass das unfair und sehr verletzend für das Kind ist, liegt auf der Hand. Gerade bei Jungen zeigt sich die Wut in einem aufsässigen Verhalten, dass dann häufig als “Störung mit oppositionellen Trotzverhalten” fehldiagnostiziert wird. Es ist zum Haareraufen.

Auch im Erwachsenenalter z. B. bei Berufsschülern, Studenten und Angestellten kann es aufgrund der Situation zu einer großen Wut und Frustration kommen, die manchmal gegen andere, oft aber auch gegen sich selbst gerichtet wird. Gerade die besonders perfektionistischen Hochbegabten zerfleischen sich regelrecht selbst, wenn sie etwas nicht so hinbekommen, wie sie gerne würden.

Doch auch wenn der Betroffene keine Symptome nach außen zeigt, bedeutet das nicht, dass er nicht leidet! Viele besonders sensitive Hochbegabte sind Meister darin, ihre eigenen Bedürfnisse zu Gunsten der sozialen Harmonie zu verbergen.

Die Sache mit der Faulheit

Ist Ihr Kind intelligent, aber faul? Oder sagen Sie das möglicherweise von sich selbst? Nun, vielleicht wird die Faulheit weniger etwas mit einem Hang zur Gemütlichkeit, sondern vielmehr mit der durch den permanenten Stress verursachten starken Erschöpfung zutun haben. Zudem kommt es durch die Unterforderung zu einer Abwärtsspirale: Die Aufgabenbewältigung wird von Hochbegabten so oder so schon nicht mehr als befriedigend erlebt, weil sie inhaltlich zu simpel ist. Kommt es aber mehr und mehr zu einem Abschalten im Unterricht, können Wissenslücken entstehen. Die Aufgaben sind nun nicht mehr zu einfach, sondern zu schwer. Der Betroffene fängt an zu glauben, er sei zu dumm, um die Aufgaben zu lösen.

Je mehr Misserfolge in der Vergangenheit eingetreten wird, umso lustloser geht der Schüler logischerweise an die Aufgabe heran. Das Belohnungszentrum wird nicht mehr aktiviert, stattdessen bedeutet die Bearbeitung zusätzlichen Stress.

Wo wir gerade über Stress reden…

Bei vielen Hochbegabten kommt eine ausgeprägte Hochsensitivität dazu. Das bedeutet, dass sie mehr wahrnehmen als normalsensitive Menschen. Sie werden stärker durch die Geräuschkulisse beeinträchtigt. Sie nehmen möglicherweise das subtile Flackern der Neonröhren wahr. Sie bemerken feinste Schwingungen im emotionalen Erleben ihrer Mitmenschen und haben möglicherweise noch keine Methoden erlernt, sich davon abzugrenzen.

Wenn sich die Hochsensitiven sowieso schon in einer stressigen Situation befinden (die durch den Dauerstress der Unterforderung permanent gegeben ist), werden sie die ankommenden Reize umso stärker wahrnehmen!

Hochbegabte sind emotional intensiver

Das innere Erleben Hochbegabter ist von größeren Ausschlägen in beide Richtungen gekennzeichnet. Sie sind intensiver. Was bei einem normalbegabten Menschen Freude hervorruft, kann bei einem hochbegabten Menschen Euphorie auslösen. Negative Erlebnisse werden jedoch ebenfalls tiefer und drastischer gefühlt, weswegen die gleiche Situation bei einem Hochbegabten mehr Stress hervorrufen kann, als bei einem Normalbegabten.

Lösungsmöglichkeiten

Es ist zu einer Unterforderung gekommen, das Underachievement (dt. Minderleistung) manifestiert sich oder die Folgen werden bereits viele Jahre durch das Leben getragen. Die Spirale hat die betroffene Person immer weiter abwärts geführt, nicht nur sind die Leistungen nicht dementsprechend, was man aufgrund des Potenzials erwarten kann, zusätzlich ist auch noch das Selbstwertgefühl in den Keller gerutscht.

Das wichtigste ist, hier nicht weiter zur Leistung anzutreiben. Das Ziel ist, die Leistung als selbstbelohnenden Prozess zu erleben. Dafür kann es Jahre brauchen, in denen zuerst die Wunden genäht, die Narben gepflegt und schließlich die Samen gesät werden müssen, um ein stabiles Selbstwertgefühl und Selbstvertrauen aufzubauen.

In der Zeit kann sich die betroffene Person so frei wie möglich mit ihren Interessen auseinandersetzen. Wenn der Prozess des Lernens wieder normal und gewohnt ist, wird es später einfacher, sich Themen zuzuwenden, die nicht primär dem Interessengebiet entsprechen.

Geduld, Geduld, Geduld

Hochbegabte haben im Normalfall einen natürlichen Wissensdurst, der nur durch wirklich einschneidende Erfahrungen gebremst werden kann. Ist dies einmal passiert, ist es das wichtigste, die daraus entstandenen Wunden erst einmal wirklich ausheilen zu lassen. Wird die Leistungserbringung zu früh forciert, wird das Arbeiten wieder mit Stress statt mit Freude verbunden. Das sollte nicht das Ziel sein und wird langfristig auch keine Besserung bringen.

Behalten Sie unbedingt im Auge, dass das Underachievement nicht durch einen Fehler des Betroffenen, sondern schlicht durch ungünstige Umstände entstanden ist!

Werden durch das selbstbestimmte Arbeiten in den eigenen Interessengebieten Erfolge erzielt, steigt ganz automatisch die Leistungsbereitschaft.

Lisa-Marie Diel

Psychologische Beraterin für Hochsensitivität und Hochbegabung

Dieser Beitrag hat 5 Kommentare

  1. Yvonne

    “Fehlen die Erfolge, kann das leistungsbezogene Selbstkonzept nicht hinreichend gebildet werden. Dann kommt es eben auch dazu, in ständiger Angst vor dem Versagen zu leben, da der Erfolg/Misserfolg nicht als kontrollierbar erlebt wird. ”
    Ja, das beschreibt es wirklich sehr gut.
    Dann sollte man wohl auch lernen, dass die “kleinen Erfolge” wirklich auch Erfolge sind, somit kann man sie dann auch feiern. 😉

  2. Yvonne

    “Viele besonders sensitive Hochbegabte sind Meister darin, ihre eigenen Bedürfnisse zu Gunsten der sozialen Harmonie zu verbergen. ”
    “Dieser teils massive Dauerstress kann zu Depressionen, Ängsten, psychosomatischen Symptomen (z. B. Bauchschmerzen, Kopfschmerzen, Migräne) bis hin zu ADHS-Symptomen wie Konzentrationsschwierigkeiten, leichte Ablenkbarkeit, Vergesslichkeit, (innere) Unruhe, Getriebenheit und Impulsivität führen. ”
    “Es ist zu einer Unterforderung gekommen, das Underachievement (dt. Minderleistung) manifestiert sich oder die Folgen werden bereits viele Jahre durch das Leben getragen. Die Spirale hat die betroffene Person immer weiter abwärts geführt, nicht nur sind die Leistungen nicht dementsprechend, was man aufgrund des Potenzials erwarten kann, zusätzlich ist auch noch das Selbstwertgefühl in den Keller gerutscht.”

    Das ist leider allzu wahr. Aber es hilft schon viel, wenn man erstmal die Zusammenhänge erkennt und lernt sich so zu aktzeptieren, um im nächsten Schritt daran zu arbeiten – es besser zu machen. Und dafür benötigt man wirklich Geduld und auch Selbstliebe.

    “Das Ziel ist, die Leistung als selbstbelohnenden Prozess zu erleben. Dafür kann es Jahre brauchen, in denen zuerst die Wunden genäht, die Narben gepflegt und schließlich die Samen gesät werden müssen, um ein stabiles Selbstwertgefühl und Selbstvertrauen aufzubauen.” – Finde ich einen super Ansatz!

    “Je mehr Misserfolge in der Vergangenheit eingetreten wird, umso…”

    Doch was ist, wenn man selbst nie wirklich Erfahrungen mit Misserfolgen gemacht hat? Schließlich hat ja alles so halbwegs funktioniert (man hat Prüfungen einfach bestanden). Die Angst davor, doch mal etwas nicht zu können oder sogar auf dem Blatt Papier bescheinigt zu bekommen, dass man “versagt” hat, hemmt einen sehr. Vorallem davor, etwas Neues zu beginnen.

    1. “Doch was ist, wenn man selbst nie wirklich Erfahrungen mit Misserfolgen gemacht hat? Schließlich hat ja alles so halbwegs funktioniert (man hat Prüfungen einfach bestanden). Die Angst davor, doch mal etwas nicht zu können oder sogar auf dem Blatt Papier bescheinigt zu bekommen, dass man “versagt” hat, hemmt einen sehr. Vorallem davor, etwas Neues zu beginnen.”

      Die Frage ist ja auch immer, ob es sich um einen objektiven oder subjektiven Misserfolg handelt. Für viele Hochbegabte sind Ergebnisse, die objektiv gesehen einen Erfolg darstellen, immer noch ein Misserfolg, weil ihnen der Belohnungseffekt fehlt – oder es wird zumindest neutral gleichgültig gesehen. Darum sehe ich es auch als so wichtig an, selbst die kleinsten Erfolge gebührend zu feiern, um sich selbst für seine eigene Leistungsfähigkeit überhaupt erstmal zu sensibilisieren.
      Fehlen die Erfolge, kann das leistungsbezogene Selbstkonzept nicht hinreichend gebildet werden. Dann kommt es eben auch dazu, in ständiger Angst vor dem Versagen zu leben, da der Erfolg/Misserfolg nicht als kontrollierbar erlebt wird. Das ist ein ziemlicher Teufelskreis, aber es gibt Wege daraus (ich sage es schon wieder: auch die kleinsten Erfolge müssen gefeiert werden 😀 😉 )

Schreibe einen Kommentar